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Unternehmen Stimmung 06.12.2005

Eine rote Wand. Ohrenbetäubender Lärm. 60.000 Zuschauer, die alle das Trikot ihres Nationalteams tragen und schreien bis zum Hörsturz – dass Südkorea bei der FIFA WM 2002 bis ins Halbfinale vorstieß, lag fraglos auch an der frenetischen Unterstützung der heimischen Fans. Diese Gänsehaut-Stimmung bei den südkoreanischen Spielen muss damals auch den Deutschen Fußball-Bund nachhaltigbeeindruckt, um nicht zu sagen: deprimiert haben. Denn verglichen mit der Stadion-Atmosphäre in Südkorea herrschte bei Länderspielen der deutschen Nationalelf oft eine Stimmung wie bei einer Schluckimpfung. Von leistungsfördernder Unterstützung keine Spur.
Die Tücken des Anfeuerns. Woran liegt das? Sind die Fans hierzulande stimmungsresistent? Die Bundesliga beweist das Gegenteil. Woche für Woche feuern die Anhänger ihre Teams – zumindest in den Fanblöcken –mit schier südkoreanischer Hingabe an. Soll es da tatsächlich niemanden geben, der bereit ist, dieses Engagement auch für die Nationalelf aufzubringen? Doch! So jemanden gibt es schon lange. Sechzehn wackere Oberpfälzer gründeten bereits 1996 den »1. DFB-Fanclub Stiftland-Adler e.V.«. Die Mitglieder organisieren seitdem regelmäßig Busreisen zu den Länderspielen, bei denen bis zu 50 Fans mitfahren. André Heindl (31), Vorsitzender der Stiftland-Adler, weiß deshalb aus eigener Erfahrung, wo die Tücken beim Anfeuern der deutschen Nationalmannschaft liegen: »Man hat ja keinen Einfluss darauf, wen man im Stadion als Nachbarn bekommt. Wenn man Pech hat, sind das Zuschauer, die auf ihren Sitzplatz pochen und jeden, der aufsteht, zum Hinsetzen auffordern. Da wird dir eher die Stimmung vermiest, als dass du welche erzeugen kannst.« Größere Gemeinschaften wie die der Stiftland-Adler böten hingegen die Möglichkeit, sogar inmitten von Anfeuerungsmuffeln eine kleine »Stimmungsinsel« zu bilden.
Der offizielle Fanclub. Schöner wäre es natürlich, die ganze Tribüne wäre ein einziges Meer der Anfeuerung, und die klatsch-faulen La-Ola-Verweigerer bildeten die Insel. Um genau das zu erreichen, gibt es seit 2003 den offiziellen »Fanclub Nationalmannschaft « – ins Leben gerufen vom DFB und repräsentiert von Oliver Bierhoff als Fanclub-Botschafter. Die Idee: Den unorganisierten Deutschland-Fans wird eine Plattform für gemeinsame Aktionen geboten. Über den Fanclub finden Anhänger unterschiedlicher Vereine zueinander – bei Fanclubtreffen oder Fanturnieren, vor allem aber bei Länderspielen der deutschen Elf im Stadion. Mit seinen Aktivitäten will der Fanclub die optische und akustische Unterstützung des Teams verbessern. Dazu verteilt der DFB zum Beispiel Fähnchen an die Zuschauer, organisiert Choreografien und bündelt die Stimmkraft der Fans in Singing Areas. Für diese speziellen Bereiche im Stadion solen ausdrücklich nur solche Zuschauer Tickets kaufen, die bereit sind, den Mund aufzumachen – so, dass es jeder hört. André Heindl von den Stiftland-Adlern sieht den neuen, offiziellen Fanclub nicht als Konkurrenz – im Gegenteil: »Mittlerweile ist unser gesamter Verein Mitglied, weil der Fanclub wirklich viel bringt – für die Atmosphäre im Stadion und für einen persönlich. Im Internetforum haben wir Leute aus ganz Deutschland kennen gelernt, mit denen wir uns nun zu den Spielen im Stadion verabreden. Außerdem nutzen wir die Ticket- und Reise-Angebote; gerade bei Auswärtsspielen erleichtert das vieles.« So wie Heindl sehen das viele Deutschland-Anhänger: 20.000 Mitglieder hat der Fanclub in den zwei Jahren seines Bestehens gewinnen können. Und doch gibt es auch Kritik.
»Willenloses Klatschvieh«. Der häufigste Vorwurf: Weil der Fanclub »von oben« konstruiert sei und nicht »von unten« gewachsen, bekämen seine Mitglieder nur die Rolle von Statisten in einem bunten Rahmenprogramm zugewiesen – oder, drastischer ausgedrückt, »der DFB sucht willenloses Klatschvieh«, wie es in einem Internetforum heißt. Gerade die DFB-kritischen Fans aus der Ultra-Szene, für die der eigene Verein mehr noch als bei »normalen« Fans Lebensinhalt ist, können sich mit dem Fanclub Nationalmannschaft nicht immer anfreunden. Als der Verband im Februar 2005 vor dem Länderspiel gegen Argentinien in Düsseldorf Fortuna-Anhänger suchte, die bei der Eröffnungs-Choreografie mitwirken, reagierten die »Ultras Düsseldorf« mit einem offenen, sogar sehr offenen Brief. »Wir möchten uns nicht instrumentalisieren lassen und unsere Aktivitäten gegen Entgelt anbieten«, schrieb man dem DFB, der die oft aufwändigen Choreografie-Ideen der Fans finanziert. Als Ultra-Gruppierung habe man Probleme, sich für eine Institution einzusetzen, die den Stehplatz-Abbau in den Stadien dulde und zum Nachteil der »wahren Fans« eine ungerechte Bevorzugung von Sponsoren bei der FIFA WMTicket-Verteilung zuließe. Nach Meinung dieser Fans trägt der DFB mit dazu bei, dass »eine gewachsene Fankultur stirbt«, um sie nun durch angepasste, »beeinflussbare« Zuschauer zu ersetzen.
Heimische Fans sind eingebunden. Der Argumentation der Ultras Düsseldorf folgen jedoch nur wenige Fans. Die meisten helfen dem DFB gerne, die Stadion-Shows umzusetzen, zumal die Choreografien nicht von einem externen Aktionskünstler, sondern von Mitgliedern des Fanclubs Nationalmannschaft geplant und organisiert werden. »Alle Ideen stammen von unserer mehr als 30 Mitglieder starken ›Choreo-Gruppe‹«, erläutert Michael Kirchner, beim DFB verantwortlich für den Fanclub. »Wir vom DFB kümmern uns mit Sponsoren um die Finanzierung der Aktion. Über die Vereine stellen wir Kontakt zu heimischen Fangruppen her, die dann unsere Fanclub-Mitglieder bei den Länderspiel-Aktionen unterstützen.« Doch nicht jeder Vorschlag kann auch umgesetzt werden. »Bei FIFA Spielen ist es aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt, Stoffbahnen über die Zuschauerköpfe zu ziehen«, bedauert Kirchner. »Ein blockgroßes Riesentrikot, wie es einige Vereine haben, werden wir deshalb während der WM leider nicht sehen.» Ansonsten plane die Choreo-Gruppe aber schon seit Wochen mit besonderem Eifer für das Turnier. »Unseretwegen können Klinsmanns Jungs ruhig bis ins Finale kommen. Wir sind vorbereitet und werden versuchen, den Südkoreanern in Sachen Stimmung Konkurrenz zu machen.« Vielleicht erleben wir es 2006 tatsächlich: eine weiße Wand. Ohrenbetäubender Lärm. 60.000 Zuschauer, die alle das DFBTrikot tragen und schreien bis zum Hörsturz ...